Lifeline

Sophie Hammarström

05.09.15 - 15.11.2014

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Sophie Hammarström – Lifeline

5. September – 15. November 2014

 

 

Gedehnter Moment

Es ist stets die Malerin wie auch das Modell Sophie Hammarström, welche dem Besucher der Retrospektive Lifeline in der Galerie IDEA FIXA in Basel begegnet. Die Künstlerin selbst steht als Motiv im Mittelpunkt des Geschehens ihrer Bilder. Durch ihr gesamtes Oeuvre widmet sich Sophie Hammarström ihrer eigenen Körperlichkeit und stellt diese in einem von ihr bewusst gewählten und dennoch zufällig wirkenden Bildausschnitt unmittelbar zur Schau. In diesen Bildern der Selbstbespiegelung taucht dann auch oft das Motiv des Spiegelbildes auf. Diese Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst und die Frage nach der eigenen Identität und ihrer Geschichte wird auch in den Titeln der Bilder greifbar, welche biografische Bezüge nahe legen wie bei der Serie „Raçines 1-5“, Momente und Bilder, die die Linien eines Lebens nachzeichnen. Oftmals erinnern die Bilder durch die Lichtregie, Inszenierung und Komposition an die holländische Genremalerei des 17. Jahrhunderts. Es sind Frauendarstellungen und Akte, die in alltägliche Intérieurs oder Außenszenarien eingebettet sind. Die Bilder funktionieren als Serie und in ihrer Abfolge beinhalten sie einen filmischen Moment. Sie evozieren Bewegungsabläufe, da die Künstlerin sich innerhalb einer Serie oft in leicht divergierenden Posen porträtiert. Die thematisch und formal zusammengehörenden Bilder verdichten sich zu Kurzfilmen, die sich in der Imagination des Betrachters abspielen. Wie im Film der Schnitt zwischen zwei Szenen führt der Sprung zwischen den Bildern dazu, dass der Betrachtende das Fehlende zu einer Geschichte ergänzt. Es ist gerade dieser gedehnte Moment, dieses Oszillieren zwischen bewegt wirkender Malerei und stillgelegtem Film, der einen Teil des Effekts dieser Werke ausmacht.

 

In der vierteiligen Serie „Milky Way 1-4“ wird der Betrachter Zeuge eines intimen Momentes. In den vier Szenen, die wie Filmstils anmuten, versetzt uns Sophie Hammarström durch die innerbildliche kompositionelle Anordnung in die Position eines Voyeurs, eine Frau auf der Toilette beobachtend: Wie sie den Slip hinabzieht, auf dem Klo sinniert, sich anschließend säubert und sich dabei gänzlich unbeobachtet fühlt. Sie spielt ihre Rolle einwandfrei und vermittelt den Anschein von Absorbiert-Sein, obwohl sie sich als Modell der Präsenz des Betrachters fortwährend bewusst ist und auch als Künstlerin damit arbeitet. In all den Settings zeigt sich die Künstlerin vertieft in alltägliche Tätigkeiten wie dem Kochen, Dessous vor dem Spiegel anprobierend, sich nur leicht bekleidet auf einem Bett räkelnd oder in einer schwedischen Landschaft das sommerliche Ambiente geniessend. Nie trifft ihr Blick den Blick des Betrachters – analog der Situation im Theater, wenn Schauspieler auf der Bühne in der Art und Weise agieren, als ob das Publikum nicht existiere. Gerade durch die bewusst inszenierte Selbstversunkenheit entsteht während der Rezeption der Bildserien von Sophie Hammarström eine imaginäre vierte Wand, welche die Künstlerin von dem „Davor“ des Betrachterraumes trennt und die Wirkung der Bilder garantiert.

 

Als Grundlage der Malerei dienen der Künstlerin Fotografien, die sie per Selbstauslöser mit einer Kamera von sich anfertigt. In einer Selektion entscheidet sie

sich für diejenigen fotografischen Abbilder, die ihr am meisten für eine Umsetzung eines „malerischen Kurzfilmes“ zusagen. Der fragmentarische Bildausschnitt vermittelt die Zufälligkeit des Momentes und lässt die Bilder wie willkürlich geschossene Fotografien erscheinen. Was wie ein Schnappschuss wirkt, ist eine akribisch kalkulierte Komposition und Inszenierung, bei der sie vorab die Umgebung und den Schauplatz des Geschehens gestaltet. Mit Hilfe der Bildränder zerschneidet die Künstlerin als Modell oftmals den eigenen Körper. Unerbittlich verläuft der Bildrand in manchen Bildern durch ihr Gesicht oder trennt sogar ihren Kopf vom Rest des Körpers ab wie zum Beispiel in der Serie „Pédalo 1-4“. Nichts ist in den Bildausschnitten in seiner Ganzheit dargestellt. Durch die starke Fragmentierung, die nur Versatzstücke des weiblichen Körpers sowie des Tretboots rudimentär zeigt und eine Ästhetik des Schnappschusses induziert, ergibt sich eine kontingente Darstellung der Wirklichkeit. Das Fragment mag zwar im ersten Moment die Realitätswahrnehmung verletzen, ermöglicht aber paradoxerweise eine Erfahrung der Totalität von Wirklichkeit. Das Fragmentieren ist eine Bildstrategie, welche die Erfahrung der im Grunde genommen Unmöglichkeit, die ganze Wirklichkeit zu erfassen und im Bild veranschaulichen zu können, wiedergibt. Das Einsetzen des Fragments besitzt in den Bildern von Sophie Hammarström die Qualität, eine maximale Wirkung für den Betrachter auszuloten.

 

Man würde der Leistung der Werke von Sophie Hammarström Unrecht antun, wenn man die jeweilige Wirkung des Bildes bloss auf ein Foto geschweige denn ein Selfie, das in der heutigen Gesellschaft als Äquivalent für ein Selbstbildnis steht, reduzieren würde. Die Bilder gehen sowohl weit über den fotografischen Blick als auch über das selbst produzierte Selfie hinaus. Das mit der Fotokamera mechanisch hergestellte Abbild der Realität eines Moments wird im Prozess der Malerei transformiert. Es findet eine bewusste Aneignung des Bildes und Verlangsamung in der malerischen Ausführung der Darstellung statt. Der Vorgang des Mischens und Suchens nach der atmosphärisch entsprechenden Farbe ist für Sophie Hammarström im Entstehungsprozess der Werke ein elementarer Bestandteil der Bildwirkung. Überdies legt sie den Akt des Malens auf der Leinwand offen. Es handelt sich nicht wie bei einer Fotografie um eine glatte Oberfläche, sondern um einen groben, pastosen und mehrschichtigen Farbauftrag. An manchen Orten, oftmals in den Ecken der Bilder, tritt die nackte, grobe Leinwandoberfläche hervor. Die kraftvollen Pinselspuren laufen an diesen Stellen aus dem Motiv heraus ins Leere. Ist dies der Fall, so wird der Betrachter in dem Moment auf den materiellen Träger sowie auf die Mittel der Malerei per se verwiesen. Durch das Spannungsverhältnis zwischen der handwerklichen Ausführung des Farbauftrags mit den sichtbaren Pinselspuren und der Darstellung wird der Betrachter sozusagen aus der Illusion des Bildes geworfen. Sophie Hammarström führt uns damit die Gemachtheit des Bildes vor Augen und bringt mit den gestischen Pinselstrichen sich selbst als Malerin ins Spiel. Der Betrachter wechselt vor den Bildern in der Wahrnehmung von Sophie Hammarström als Modell und als Malerin. In der Logik des gedehnten Momentes ist sie gleichzeitig auf und vor der Leinwand – zugleich Objekt und Subjekt des Bildes. Die Paradoxie des Begriffes gedehnter Moment erfasst die entschiedensten Aspekte ihres Werkes, das Changieren zwischen den Medien sowie das Wechselspiel der Rollen, welche sich auf der Leinwand suggestiv widerspiegeln.

 

Christiane Klotz, August 2014