Ruins of Hypocrisy

Laurent Ajina

8. Juni – 18. August 2012

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Ruins of Hypocrisy

Wie viele Dimensionen hat der Raum unserer Erinnerung?

 

Was ist eigentlich dargestellt in den Zeichnungen von Laurent Ajina? Offenbar sind es keine abstrakten Linien ohne Bezug zum physisch Erfahr- und Sichtbaren dieser Welt. Es geht dem Künstler aber auch nicht darum, einen bestimmten Gegenstand, ein bestimmtes Ding möglichst exakt zu umreissen und abzubilden. Vielmehr ist es die Spannung zwischen objektiv Verifizierbarem und subjektiv Wahrgenommenen, die das Werk von Laurent Ajina in besonderer Weise auszeichnet. 

In unserer Erinnerung löst sich Wahrnehmung auf in Bausteine. Der reale Raum vermischt sich mit (bloss) Gedachtem. Zeitlich verschobene Grössen vermengen sich zu etwas Neuem, das vielleicht nicht weniger real ist. Eindrücke werden gesiebt, manche bleiben haften; vieles fällt weg, einiges verstärkt sich. Die Erinnerung kennt nicht nur drei Dimensionen, es geht nicht mehr länger um Höhe, Breite und Tiefe oder ein allgemein gültiges und exakt beschreibbares Gefühl. Der Raum der Erinnerung besteht aus ebenso vielen Dimensionen, wie es Punkte auf der Linie des Zeitverlaufs gibt, denn jeder dieser Punkte bedeutet eine mögliche Erinnerung, einenmöglichen Baustein zur Konstruktion eines subjektives Erinnerungsraumes. 

Laurent Ajinas ebenso vielseitiges wie kohärentes Werk kann gelesen werden als Übung im Sich-Erinnern. Das wiederholte Zusammensetzen erinnerter Bausteine findet eine visuelle, durchaus auch körperliche, Umsetzung im Ziehen des Strichs. Für den Betrachter wiederum geschieht der Nachvollzug von Ajinas eigener Erinnerung im Verfolgen desselben Strichs. 

Das wiederholte Nachzeichnen des immergleichen Felsen («Come Closer», 2010) liest sich in diesem Sinne als Art der Selbstvergewisserung, die das Gesehene immer wieder abgleicht mit der persönlichen Erinnerung; in der Gewissheit, dass keine Zeichnung exakt mit der vorangegangenen übereinstimmen wird. Aus dem sehr direkten und unmittelbaren Bezug zwischen Wahrgenommenem und Erlebtem wird bei «Untitled (october 7, 2002 – september 12, 2002)» (2012) ein veritables Abtauchen in den und ein Wühlen im Raum der Erinnerung. Durch die collageartige Überblendung zwischen persönlichen Erinnerungsfragmenten und aus dem Zusammenhang gerissenen Satzfragmenten von Reden George W. Bushs während des Irak-Kriegs im Jahr 2002 entsteht ein kritischer Appell, der sich sowohl an die eigene Person als auch an den Betrachter richten kann. 

 

Zusammengehalten werden die in dieser Ausstellung gezeigten Werke durch das stete Hinterfragen der persönlichen Erinnerung, an welcher der Künstler eben dadurch weiter und weiter baut. 

 

Reto Thüring