TATEN AUS ANDEREM LICHT

Sandra Boeschenstein

19.10.23.11.2013

«Hitnterohrwinkel»,2013,Ö kreide und Ölfarbe auf Papier, 70 x 100 cm

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«den Schnappschuss vermessen», 2012, 70 x 100 cm, Ölkreide und Ölfarbe auf Papier

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«ohne Titel», 2011, Bleistift, rote Tusche und gestempelte Ölfarbe auf Papier, 59,4 x 84 cm

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«Hitnterohrwinkel»,2013,Ö kreide und Ölfarbe auf Papier, 70 x 100 cm

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Taten aus anderem Licht

Unter dem Titel "Taten aus anderem Licht" zeigt Sandra Boeschenstein neue, dunkeltonige Zeichnungen sowie eine Gruppe kleinformatiger Arbeiten, entstanden 2011. Bei allen formalen Differenzen besteht die Gemeinsamkeit der Zeichnungen in der Erforschung produktiver Widersprüche der Wirklichkeit. Die dargestellten Personen befinden sich in ungreifbaren räumlichen Zusammenhängen, treten mit Alltagsgegenständen in Dialoge und werfen Fragen nach ihrer körperlichen und emotionalen Befindlichkeit auf. Die Realität zeigt sich mehrfach gebrochen, in sich verschoben und zersplittert. Paradoxerweise blitzt genau hier – an den Bruchstellen der Verwerfungen – ein neues Bewusstsein von Raum und Zeit auf.

 

Im Unterschied zu früheren Zeichnungen gebraucht Sandra Boeschenstein (geb. 1967 in Zürich, lebt in Zürich) in ihren aktuellen, dunklen Blättern eine neue Technik: Sie trägt zunächst weisse Ölkreide dick auf das Papier auf und anschliessend mit einer Rolle schwarze Ölfarbe in unterschiedlicher Menge. Aus verschieden dichten Flächen kristallisieren sich weite, grosszügige Innenräume heraus, die an Paläste vergangener Zeiten erinnern, ohne dass die Architektur einer bestimmten Epoche zuzuordnen wäre. Indem die Künstlerin mit spitzen Werkzeugen das Papier bearbeitet, entstehen weisse Linien, die Personen, Gegenstände und räumliche Details aus den dunklen Flächen hervortreten lassen. 

Die neuen Zeichnungen sind materiereicher und malerischer als die früheren, die Wirkungen von Hell und Dunkel bestechend: Licht und Materie scheinen sich ineinander zu verweben, bedingen sich wechselseitig und versetzen das Bildgeschehen in einen Zustand schlafwandlerischer Erinnerung. Oft scheinen die Fussböden der Innenräume durchlässig zu sein, wie aus Glas oder spiegeln geheimnisvoll. Die Innenräume mäandern zwischen schärferen und unschärferen Bildern der Erinnerung, zwischen Wachen und Träumen, zwischen rationaler Greifbarkeit und irrationaler Drift. Manchmal erinnern Kleidung und Frisur der Personen, bzw. die Art ihrer Darstellung an figurative Illustrationen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seltsam der Zeit entrückt, schweben sie jedoch jenseits historischer Bindungen. Das Dunkel der Zeichnungen vermittelt Empfindungen von Weite und Einsamkeit, von Stille und Geheimnis. Inhaltlich lassen sich die Zeichnungen nicht wirklich rational entschlüsseln, vielmehr laden sie dazu ein, sich auf ein fremdes Terrain zu begeben und dieses intuitiv zu durchwandern. 

Die virtuose Verschränkung verschiedener, teils konträrer Dingwelten verleiht den Zeichnungen ihren fragilen Zauber, der einerseits auf die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens verweist, andererseits auf Energien, die durch Begegnungen des Gegensätzlichen immer wieder neu entflammen. 

Markus Stegmann, September 2013